Franticek Klossner

Eiszeit

Hidden Assets ist die Aktivierung einer stets präsenten Idee in Klossners Schaffen. Mit der Realisierung dieser Installation gibt der Künstler Einblick in einen über zehn Jahre gewachsenen Prozess. Hidden Assets repräsentiert Reserven von Klossners Gedankengut in eingefrorenem Zustand und damit in seiner konsequentesten Form.

 

Dabei hat alles mit einem Zufall begonnen, als Klossner im Winter 1983 Scherenschnitte in Einmachgläser abgefüllt hatte und diese im ungeheizten Atelier eingefroren sind. Daraus entwickelte er die ersten Eis-Stücke : Platten aus gefrorenem Wasser, die auf Stühlen platziert oder an Drähten aufgehängt regelmässig angeordnet wurden und als Hybride zwischen Performance und Installation still vor sich hinschmolzen. In der Folge ermöglichte ihm ein Atelier-Stipendium einen Aufenthalt in New York, wo er im Musiklaboratorium The Kitchen Diamanda Galás begegnete, die sein Pendel zwischen Morbidem und Lebensfreude heftig ausschlagen liess, während die Papierstapel und Bonboninstallationen von Felix Gonzalez-Torres (1957-1996) sein Bewusstsein für die Vergänglichkeit schärften. Die Konfrontation mit New York und den amerikanischen Superlativen weckte in Klossner auch den Mut zu figürlichen Arbeiten, denn Künstler wie Jeff Koons beeindruckten ihn mit ihrer Mischung aus Kitsch, Ironie und Sex. Und so begann er als Reaktion auf die New Yorker Eindrücke mit der intensiven Selbstbefragung und wählte als Thema seinen eigenen Kopf, denn dieser ist für ihn als „Pars pro toto“ die zentrale menschliche Form. Erste Abgüsse aus gefrorenem Wasser von Klossners eigenem Kopf entstanden 1991, also etwa gleichzeitig wie Self von Marc Quinn und ein Jahr nach Bruce Naumanns erster Basler Präsentation der Kopfobjekte aus Wachs. In der Folge tauchten Klossners schmelzende Selbstportraits in zahlreichen Ausstellungen und Performances immer wieder in neuen Variationen auf und prägten seinen Ruf.

 

Die Hohlform eines Kopfes fasst 4,5l Wasser und wird bei –20° C während 24 Stunden tief gefroren. Danach wird die Positivform angebohrt und der nicht gefrorene Teil des Wassers, 3,5l, wird ausgegossen. Die entstandene Eisschale besteht demnach aus 1l tief gefrorenem Wasser und ist somit primär ein Selbstportrait, das der Künstler vor allem in Videoinstallationen eingesetzt hat, um durch das Abschmelzen die Bewegung im Raum und in Videoprojektionen auszulösen – und symbolisch sich selbst.

 

Hidden Assets ist Klossners erste Arbeit, in der die gefrorenen Köpfe nicht schmelzen. Ihre lapidare Aufreihung stellt einerseits die Verfügbarkeit von Ideen dar, andererseits scheint sie eine klassische Strategie der amerikanischen Nachkriegskunst zu verfolgen. Sie ist aber auf Klossners Eindrücke in den Katakomben von Rom und Neapel und insbesondere auf die « macchine anatomiche » in der Capella Sansevero in Neapel zurückzuführen. Die Verbindung mit dem Portrait peilt jenen Symbolcharakter an, der mit der indirekten Anwesenheit von Vergangenem – den Abgüssen von gelebtem Leben – und dessen Andenken spielt. Die Archivierung der Köpfe als Hort von Ideen, eben Klossners „Assets“, demonstriert die Konzentration vor der Auflösung, während die aus dem festgefrorenen Zustand leicht in den flüssigen überführbaren Köpfe als Zeit- und Vergänglichkeitsmetaphern auf ein Memento Mori hinweisen. So erreicht Klossner mit den seriell angeordneten Eisköpfen im Licht des Raumes eine suggestive Atmosphäre und eine geheimnisvolle, sakrale Präsenz an der magischen Grenze zwischen Vergessen und Erinnern.

 

Dr. Marc Fehlmann, Kunstmuseum Bern, 2000

Ausstellungskatalog: Eiszeit, ISBN 3-906628-29-9

 

 

 

Nebst der surrealen Atmosphäre, eignet Franticek Klossners begehbarer Tiefkühlzelle mit Metallregalen voller gefrorener Selbstportraits auch eine makabre Note. Da wo sonst ganz profan Fleisch, Gemüse und Salat gekühlt werden, bleiben nun Menschenhäupter frisch, hart und eisig. Auf den ersten Blick scheint es, als seinen hier die führenden Köpfe des Kältekults der Moderne – Nietsche, Jünger, Benn um nur einige zu nennen – ironisch eingelagert in Erwartung besserer Zeiten und tieferer Aussentemperaturen. Doch es sind Selbstportraits des Künstlers, die da aufgereiht sind, die eine Hälfte aus einer Gussform von 1991, die andere vom Jahr 2000. Hidden Assets stellt mit seinem riesigen Vorrat nicht nur den Höhepunkt einer zehnjährigen Beschäftigung Klossners mit dem gefrorenen und schmelzenden Selbstbildnis dar. Die Arbeit steigert neben der Schönheit des Vergänglichen vor allem die Hybris des Überdauerns: Die mit Rauhreif belegten Abgüsse wirken wie ein Heer von Totenmasken und ihre prekäre Abhängigkeit von permanenter Stromzufuhr ist stets hörbar im Brummen des Tiefkühlaggregats. Komplex pendeln Klossners Köpfe zwischen Todesstarre und multiplem Leben. In ihrem massiv seriellen Charakter evoziert die Installation auch Experimente mit geklonten Identitäten und stellt sie in jener realen Eiseskälte aus, in denen dieses Leben unterhalb des Eispunktes für spätere Generationen oder weitere Versuche aufbewahrt wird.

 

Dr. Ralf Beil, Kunstmuseum Bern, 2000

Ausstellungskatalog: Eiszeit, ISBN 3-906628-29-9


KÖRPER & EIS - HIDDEN ASSETS