|
Von der Abbildung des Elements Wasser im Medium Video zur Umkehrung – zur Abbildung des Videobildes auf dem Wasser selbst – ist es nur noch ein kleiner Schritt: Im Rahmen eines Literatur- und Kunstfestivals, das Beat Toniolo 2003 am Rheinfall organisierte, wurden in der Dunkelheit verschiedene Videoarbeiten direkt auf den Wasserfall projiziert. Da die meisten Werke nicht eigens für diesen Anlass geschaffen worden waren, bestand das Eigentümliche der Aufführung vor allem in ihrer Neukontextualisierung beziehungsweise in der Interferenz von Bedeutung des projizierten Bildes und Bedeutung des Bildträgers. Dies zeigt das Beispiel der Videoproduktion MESS UP YOUR MIND des in Bern und Hamburg tätigen Künstlers Franticek Klossner (geb. 1960): Für die Produktion des Videomaterials liess er mit einer für militärische Zwecke entwickelten Hochgeschwindigkeitskamera Close-Ups von menschlichen Gesichtern aufnehmen. Mit 3000 Bildern pro Sekunde hielt die Kamera fest, wie die Darsteller kraftvoll ausatmeten und dabei die Luft durch ihren locker zusammengepressten Mund strömen liessen. In der Verlangsamung auf die dem Betrachter vertrauten 25 Frames pro Sekunde werden die Münder zu sich wellenförmig bewegenden Fleischlappen, zu „blubbernden Mundpartien mit und ohne Bartstoppeln, weissen und gelben Zähnen mit und ohne Paradontose“ (Zitat: A. Zwez). Im Zentrum der Arbeit, so wie sie 2001 im Kunsthaus Grenchen erstmals gezeigt wurde, nämlich als sechsteilige Video-Grossprojektion, untermalt mit unverständlichen, da rückwärts gesprochenen Texten, steht die „Verfleischlichung“ des Sprechaktes, seine Transformation vom Kommunikationsprozess zur Körperbewegung und nicht zuletzt die ebenso frappante wie obszöne Ähnlichkeit des Mundes mit anderen Körperöffnungen.
Die Projektion der Bilder auf den Rheinfall führte demgegenüber zu einer markanten Verschiebung der Bedeutungsfelder: Die sich wellenden Lippen und „blubbernden Mäuler“ bildeten mit dem strömenden Wasser eine materielle Einheit. Sie wurden in ihrer Gestalt von den Bewegungen des Wassers mitgeformt und gaben ihrerseits dem Wasser ein bestimmtes Aussehen. Die visuelle Kongruenz von Lippen und Wasserfall verweist auf die zahlreichen Entsprechungen, die den Akt des Redens mit der Sphäre des Wassers verbinden: Die Worte „fliessen“, sie schöpfen aus „Quellen“, der Mund „sprudelt“ und „läuft über“, die Rede „versiegt“ ... Andererseits „murmelt“ der Bach, der Wasserfall „tobt“ und es „brüllt“ die See ... Das Fluidale der Sprache und das Linguale des Wassers – Klossners Projektion lässt sie im aquatischen Fluidum des Rheinfalls manifest werden.
Natürlich würde man annehmen, dass ein anderes zeitgenössisches Medium, die Performance, durch die tatsächliche Gefährlichkeit des Rheinfalls de facto verhindert wird. Dass sie dennoch möglich ist, zeigt Roman Signer (geb. 1938) mit einer Aktion im Rahmen des gleichen Festivals: Von der Eisenbahnbrücke liess er an einem langen, wegen der Strömung schräg über den Fluss verlaufenden Seil ein Kajak bis zur Abrisskante des Wasserfalls hinunter. Dort befand es sich während rund einer Woche, im stärksten Teil der Strömung auf der Zürcher Seite des Falls, bis eines Nachts, kurz vor Ende des Festivals, die Kraft des Wassers das Kajak entzwei riss. Am Seil blieb nur ein kurzer Stumpf hängen, an einen abgetrennten Körperteil erinnernd, während der Rumpf im Wasserfall verschwand. Ein Bild, das die Entfesselung der Kräfte und ihre Gewaltsamkeit in grösserer Unmittelbarkeit zur Darstellung bringen würde, lässt sich nur schwerlich denken.
Roger Fayet
in: Der Rheinfall / Strömungen, Tumulte, Reflexionen
2006, hier + jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte
Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen

|