Das Denken bestimmt das Sehen
Vor fünf Jahren begegnete ich zum ersten Mal einem Werk des Schweizer Video-, Installations- und Performancekünstlers Franticek Klossner. Es war eine spektakuläre Videoinstallation mit dem Titel INTERVALL VITAL aus dem Jahre 1991. Die atmosphärische Versuchsanordnung aus drei Projektionsflächen (Seidenleinwand, Wasserfläche und Wand) und einer einzigen Bildquelle (LCD-Projektor) thematisierte auf differenzierte und räumlich überzeugende Weise unsere Wahrnehmungsmechanismen. Klossner hatte eine Gussform seines eigenen Kopfes hergestellt, die er mit Wasser ausfüllte und dann gefrieren liess. Dieser eisgewordene konterfei hing in der Mitte eines abgedunkelten Ausstellungsraumes im Langenthaler Kunsthaus, verlor durch die Wärme ständig an Volumen und gab tropfenweise Wasser in die darunterliegende Wasserfläche ab. Diese fungierte quasi als Umlenkspiegel für einen LD-Projektor, der bildkonstituierendes Licht auf das Wasser warf, von wo es auf die beiden im Raum verteilten Flächen projiziert wurde. Das mit dem fortschreitenden Projektionsprozess einhergehende sukzessive Abschmelzen des Eises und die damit verbundene intervallartige Tropfen-Störung der Wasserfläche (Bildstörung) machte nicht nur die sich ständig wandelnden Wandwürfe zum Sinnbild für die Abnützung und Veränderung innerer Bilder, sondern auch die perpetuierende, selbstauflösende Wirkung der mediatiserten Welt physisch erfahrbar. Diesen medien- und bildreflexiven Themenkreis hat Klossner in der Zwischenzeit sukzessive weiter entwickelt. So zeigte er im letzten Jahr im Rahmen der Gruppenausstellung VOI SIETE QUI (Es Cartiera Latina, Roma), eine Installation, welche das Verhältnis von Betrachter und Werk mittels einer performativen Versuchsanordnung thematisierte. IL PROFUMO DEL VETRO (Der Duft des Glases) bestand im wesentlichen aus zwei installativen Elementen: aus einer Rauchmaschine wie sie in Diskotheken zum Einsatz kommt und aus einer kleinen, kaum sichtbaren Glasplatte, worauf der Künstler die Botschaft "Quidquid latet apparebit" (alles was verdeckt ist, wird erscheinen) - ein Zitat aus dem Mozart-Requiem - angebracht hatte. Klossner plazierte die Rauchmaschine in einem nicht begehbaren Seitenraum des Ausstellungsgebäudes, in welchen die Besucher durch eine Toröffnung Einblick nehmen konnten. In den Zugang war, wie das sonst in Publikumsausstellungen mit hohen Versicherungswerten der Fall ist, eine Kordel eingelassen, die den dahinterliegenden Raum vom Publikum trennte. Direkt über der Kordel. Auf Augenhöhe, schebte die Glasplatte. In unregelmässigen Zeitabständen setzte das Aufsichtspersonal die Rauchmaschine in Gang. Der Rauch bewegte sich aufgrund der Luftströmung im Gebäude in Richtung Ausstellungsraum, um schliesslich durch die Toröffnung einzudringen und Werk wie Betrachter gleichermassen einzunebeln. Dieser sich ständig wiederholende, performative Prozess umfasste mehrere mediale Zustandsmomente wie sie für das Werk Klossners typisch sind. Augenfällig war zunächst, dass die unerwartete explosive Rauchentwicklung eine überraschende skulpturale Wirkung im nicht begehbaren Nebenraum erzielte. Dann, durch den deckenden, visuellen Hintergrund des weissen, ephemeren Volumens, erfuhr die ursprünglich kaum sichtbare Glasplatte eine rezeptive Neudeutung: zuerst wurde die Inschrift deutlich lesbar, danach reflektierte sich der Betrachter und der hinter ihm liegende Ausstellungsraum im Glas, das wie ein Spiegel fungierte. Dann verunklärte das flüchtige Element des Rauches die restlichen ausgestellten Werke, erklärte Raum, Kunst und Publikum zu einer temporären Einheit ohne Konturen und Tiefenschärfe. Das Werk baute sich auf, es löste sich selber wieder auf und blieb lediglich als visuelle Spur im Gedächtnis der Betrachter haften. Oder, um Paul Virilio im Zusammenhang mit seiner Malerei-Fotografie-Diskussion zu zitieren: "Das Kunstwerk braucht Zeugen (...), weil es mit seinem Imago in eine zeitliche Tiefe der Materie vorstösst, die auch die unsere ist." Da mag es auch nicht verwundern, dass sich Klossner folgende suggestive Forderung auf den Rücken tätowieren liess: ME VERAS SI ME PIENSAS (Du wirst mich sehen wenn du mich denkst). Das Denken bestimmt das Sehen!
Christoph Doswald in: Kunstpreis der Böttcherstrasse in Bremen, 1999 Installationen - Quidquid latet apparebit Performances - Me veras si me piensas |