Franticek Klossner

Die Zeit im Gesicht

 

Dolores Denaro

(Katalogtext: Mess Up Your Mind, Kunsthaus Grenchen, 2001)

 

Mess Up Your Mind!, die Worte – Titel der zentralen Videoinstallation und der Grenchner Ausstellung zugleich – erinnern an den in den USA von Nachrichtenzeitungen und -sendungen wiederholt verwendeten Slogan «Make Up Your Mind!». Damit werben die Massenmedien in Eigensache und fordern das Publikum auf, sich eine eigene Meinung zu bilden. Eine Schlagzeile, die Franticek Klossner 1991 während seines Stipendienaufenthalts in New York sowie in den darauffolgenden Besuchen wiederholt gelesen hat und die ihm in Erinnerung geblieben ist. Mit dem Wechsel des Verbs verändert er die Aussage des Satzes grundlegend. Anstatt die Aufforderung sich zu bilden, ist es nun diejenige, sich durcheinander zu bringen, resp. sich zu verwirren. Damit ist gleichermassen eine Lockerheit und ein augenzwinkernder Verweis auf die Mediatisierung der Massen verbunden. Eine Lockerheit, die der Künstler ebenfalls in New York im Umgang mit der Performancekunst kennenlernte, wie sie ihm bisher und in Europa nicht bekannt war: «Von der Broadway-Kultur geprägt, trat sozusagen jeder Performer, jede Performerin singend oder tanzend vor das Galerien-Publikum», erinnert sich der Künstler. Abgesehen davon waren in New York das Zusammentreffen mit der Sängerin Diamanda Galàs und die erste Begegnung mit Werken des Kubanischen Künstlers Felix Gonzalez-Torres (1957-1996) sowie die Auseinandersetzung mit der aktuellen amerikanischen Kunst nachhaltig prägend für den Künstler. Zweifellos fand er in der Amerikanischen Metropole zum Figürlichen und zum Medium Video.

 

Der Mensch, zu Beginn der Kopf (Selbstporträt) und lange Zeit der eigene Körper steht fortan im Mittelpunkt seiner Arbeiten. Er fand ausserdem zu einem lockeren Umgang mit der eigenen Kunst und damit den Mut zum Experiment zwischen Ernst, Spielerei, Intuition, Naivität und Ironie. Es geht ihm um das Kunst-Erlebnis, wovon seine performative Haltung dem eigenen Werk gegenüber zeugt: «Ich versuche, nicht Kunst zu produzieren, sondern Kunst erlebbar zu machen. Nach der Entstehung kann sich das Werk wieder auflösen und in andere Konstellationen übergehen». Wichtiges Charakteristikum seiner Arbeitsweise ist denn auch, dass er stets, ohne festgehaltene Skizzen oder ausformulierte Konzepte, im Experiment an eine neue

 

 

 

Produktion herantritt. Er versteht sich selbst als das Gegenteil eines Konzeptkünstlers und verlangt von sich eine grösstmögliche Offenheit während dem Reifeprozess einer Arbeit, damit die Eigendynamik einer Idee sich frei entfalten kann. Neue Werke entstehen meist im Austausch mit dem Umfeld, in der Kommunikation mit dem Freundeskreis und somit in einer spontanen, entspannten Atmosphäre. Für die Realisierung einer Arbeit gelten dann die Regeln der Perfektion und Professionalität.

 

So ist auch der Entstehungsprozess der Videoinstallation Mess Up Your Mind! zu verstehen. Diese ist im spielerischen Experiment während den Dreharbeiten zur Video-Deckenmalerei als tausend worte entstanden, die er im vergangenen Jahr zur Ausstellung «Bildersturm» im Bernischen Historischen Museum realisiert hat. Für die Umsetzung seiner Bilder, das heisst für seine Auseinandersetzung mit dem Thema Bildersturm, war er auf der Suche nach dem geeigneten «Werkzeug». Mit der herkömmlichen Videokamera waren die Bilder, die ihm vorschwebten – die Sichtbarmachung des eigentlichen, zeitlich äusserst kurzen Aktes der Zerstörung von Kunstwerken und von Gedankengut (in Form von zersplitternden Texten auf Glas) – nicht zu realisieren. Das geeignete Instrument für die Aufnahmen fand er bei der Gruppe Rüstung und deren Fachabteilung für Waffensysteme und Munition: Neuste Hochgeschwindigkeits-Videokameras, die für Aufnahmen im Bereich der Ballisitk eingesetzt werden. Im Experiment und auf der Suche nach dem jeweils geeigneten Mittel für die Umsetzung einer künstlerischen Idee, kennt der Forscher-Künstler keine Grenzen, arbeitet interdisziplinär, bewegt sich zwischen den Medien, findet deren neue und stellt diese erstmals oder anders in den Dienst der Kunst.

 

MANIPULATION VON ZEIT: «DEFORMATION»

 

«[…] stellen wir den Menschen ins Zentrum unserer Beobachtungen, gibt es nicht nur eine Zeit vorher und eine Zeit nachher, – wir sehen eine innere und eine äussere Zeit. Wenn wir die Geschwindigkeit beispielsweise als eine innere Zeit definieren, handelt es sich dabei um ein Charakteristikum des Individuums.»

(A. Silbermann)

In Mess Up Your Mind! findet die Arbeit mit Hochgeschwindigkeits-Aufnahmen ihre Fortführung. Über vier Projektoren werden annähernd fünfzig Gesichter von Freunden und Freundinnen grossformatig in die Räume des Kunsthauses projiziert. Die Porträtierten blicken zum Betrachter oder haben teilweise geschlossene Augen, derweil, als ob ein Erdbeben die Gesichter erschüttern würde, schwingen und schleudern in Slow-Motion die Gesichtspartien in alle Richtungen, Lippen treffen in wellenähnlichen Rhythmen zur oder gar über die Nase hinaus, Wangen verzerren sich, das ganze Gesicht erfährt eine erschreckende Deformation. Ein lustig-grausig faszinierendes und dennoch ästhetisches Schauspiel. – «Wenn wir die Elementarteilchen dazu bewegen können, sich sehr sehr schnell zu drehen, können wir die Schwerkraft in jede Richtung lenken.» – Der Betrachter findet sich inmitten der ihn umgebenden Videoinstallation, kann sich ihr durch die räumliche Konzeption nicht entziehen. Er wird von der beinahe fatalistischen Direktheit, der Langsamkeit der Bewegungen und von den Grimassen irritiert, gar intrigiert, werden ihm hier Video-Porträts vorgeführt, die zum Nachdenken anregen: Sind es technisch manipulierte Aufnahmen oder ist es Wirklichkeit? Kann ein Mensch so aussehen? Es sind tatsächlich in der Natur vorgefundene und unveränderte Bilder von Menschen. Die Porträtierten atmen lediglich tief ein und stossen die Luft mit hohem Druck zwischen den locker zusammengepressten Lippen aus, so dass ein «Blubber»-Laut entsteht, den wir aus der Kindheit kennen, aus der Zeit in der wir sprechen und uns mimisch auszudrücken lernten. In Wirklichkeit dauert die aufgezeichnete Aktion oder Performance jeweils nur nicht wahrgenommen werden können. Mit Hilfe der Hochgeschwindigkeits-Videokameras, von denen es in der Schweiz nur einige wenige gibt , hält Klossner diese äusserst kurzen Augenblicke in den Slow-Motion-Porträts fest, macht sie sichtbar, führt

 

sie uns geradezu vor Augen: – «Dein Gesicht ist meine Realität» – In jeder Sekunde werden zwischen 1000 bis 3000 Frames aufgenommen, was eine Steigerung um das Vielfache einer Videokamera ist, die lediglich 25 Einzelbilder pro Sekunde aufzeichnen kann. Dadurch, dass in der Projektion die jeweils mindestens 1000 erfassten Frames von einer realen Sekunde Aufnahmedauer mit einer Geschwindigkeit von 25 Frames pro Sekunde wiedergegeben werden, greift der Künstler in die Zeit ein, resp. manipuliert die Zeitspanne, wodurch eine erstaunliche Deformation der Gesichter sowie Bewegungsabläufe sichtbar gemacht werden, die normalerweise nicht wahrnehmbar sind. Das Bild an und für sich belässt er wie es aufgenommen wurde, nimmt daran keine Veränderungen vor. Die Porträtierten entblössen sich für einige Sekunden, die nun zu Minuten werden, verlieren im wahrsten Sinne des Wortes ihr Gesicht. Eine Erfahrung, die der Künstler in seinem Werk X-cek von 1999 in anderer Form bereits selber erlebte, als er, bezugnehmend auf das fotographische X-Ray-Selbstporträt von Meret Oppenheim (und auf deren Feedback auf seine ersten schmelzenden Eisköpfe), ein Röntgengerät mit einem Videorecorder koppelte und damit ein zwei Minuten dauerndes X-Ray-Video-Porträt von sich realisierte – in der Durchleuchtung sein Gesicht verlor und mit Kontrastmitteln seinem Skelett ein neues Gesicht überzog.

 

Was die Videoinstallation Mess Up Your Mind! schliesslich ausmacht, sind nicht allein die Aufnahmen, vielmehr ist es die komplexe und genau berechnete Komposition mit mehrspurigen Partituren, begleitet von unverständlichen, beinahe bedrohlich brummenden Lauten rückwärts gesprochener Texte; einer Poesie auf die Langsamkeit. Der sich mit neuester Technik immer schneller fortbewegenden und schneller kommunizierenden Gesellschaft – Quick Times – entgegen, hält der Künstler inne, manipuliert durch die Zeitveränderung die Wahrnehmung, führt den Betrachter auf den trägen Körper zurück, dessen Geschwindigkeit nicht über die physischen Kräfte hinaus gesteigert werden kann. Die Arbeit ist zwar im spielerischen oder experimentellen Umgang mit neuester Videotechnologie entstanden, sie bildet aber dennoch die konsequent weitergeführte und ernst zu nehmende Auseinandersetzung mit Themen wie sie in früheren Arbeiten vorkommen. Vieles greift der Künstler darin auf und führt es weiter; die Gattung der Porträts, welche seit 1990 vorwiegend in Form von Selbstporträts in Eis vorkommen (Eyes-Zeit 1990, Brain Wave 1991), die Körpererkundungen (me verás si me piensas 1998, x-cek 1999), die mehrspurigen Kompositionen von Video-Partituren (watch your heads 1998, Das Schaukeln der Bilder 1999, InterMediaKiss 2000, Bildersturm 2000,) und die installativen Zusammenfügungen von Wort, Bild und Raum (Gewissheit 1995, Appunti spezzati 1998, il profumo del vetro 1998), um einige Beispiele zu nennen.

Ebenso ist das Element der Deformation nicht neu. Im Gegenteil, die Beschäftigung mit der Deformierung – ob bewusst oder unbewusst – ist vielen bisherigen Arbeiten des Künstlers implizit, sie scheint sich wie ein roter Faden hindurchzuziehen. Die projizierten langsam schwabbelnden, bewegten Gesichtslandschaften spannen den Bogen zu den seit den 1990 wiederholt verarbeiteten plastischen Selbstporträts in Eis, bei denen die Deformation des Gesichts zunächst durch das Ausdehnen des Wassers und durch das Explodieren der Kopfschale während dem Gefrierprozess, später beim Schmelzen des Eises hervorgerufen wird. Und wie bei den eisigen Selbstporträts ist die Deformation bei den Hochgeschwindigkeits-Videoporträts nicht zu beeinflussen; das Medium entwickelt seine Eigendynamik, kann lediglich beobachtet, entdeckt und innovativ eingesetzt werden. Zum selben Themenkreis gehört das mit dem Videokunstpreis der Länder Thüringen und Rheinland-Pfalz 1996 ausgezeichnete Video Total Narziss. Eine Arbeit, in der das Selbstporträt des Künstlers durch bewegte, flexible Spiegel verzerrt (reale Projektion) wiedergegeben und auf zweiter Ebene durch Computeranimation (virtuelle Reflexion) mit dem Spiegelbild zusammen verschmolzen wird. In diesem Zusammenhang ist auch sein DNA-Profil, welches er 1999 von der Abteilung für forensische Molekularbiologie der Universität Bern anfertigen liess und u.a. in Remastered Remix-Identity für die Steirische Landesausstellung 2000 in Graz installativ umsetzte, zu betrachten. Die Auseinandersetzung mit seinem genetischen Code, der DNS (Desoxyribonuklein-Säure), ist gleichzeitig diejenige mit der Wissenschaft der Gentechnologie und – seit es den Forschern möglich ist – mit dem Klonen von Wesen und den damit verbunden Möglichkeiten von Deformationen und Mutationen. Zumal die DNS ein gentechnischer Fingerabdruck ist, geht mit der Beschäftigung mit diesem Thema gewiss eine ins Extrem getriebene Selbsterkundung und -befragung des Künstlers einher. Er stellt aber auch die Fragen neu: Was ist ein Original, was ist eine Kopie? Kann das Werk ein Unikat bleiben, wenn der Künstler kopierbar wird? Darüber hinaus ist sein Spiel mit der DNS auch eine zeitkritische Auseinandersetzung mit der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. – «In einer interaktiven Installation im WorldWideWeb gebe ich meine Gene zur virtuellen Manipulation frei. Ein kollektives Sampling und Kloning wird neue künstlerische Anregungen und humorvolle Zwischenresultate liefern.» – Oder: «Das Denken bestimmt das Sehen» wie Christoph Doswald zur Tattoo-Performance im Schweizerischen Institut in Rom schreibt, als sich Klossner die Forderung «me verás si me piensas» (Du siehst mich, wenn Du mich denkst) vor dem Publikum auf seinen Rücken, einem Bildformat gleich, tätowieren liess.

 

Damit sind die verzerrten Video-Porträts Mess Up Your Mind! im Zeitalter von Gentechnologie, in der manipuliert und geklont werden kann, gleichsam eine Mutation von Bild zu Bild: – «Ein Individuum gibt es nicht, wir sind flüssige Identität. Jede Arretierung ist sinnlos – Zeit ist Formveränderung».

 

Über mehrere Jahre war der eigene Körper des Künstlers primärer Gegenstand seiner Werke. Ein langer Prozess, der möglicherweise mit der unausweichlichen Auseinandersetzung mit der eigenen Identität aufgrund mehrmaliger Gesichtsoperationen nach einem Unfall verbunden ist. Das autobiographische Erlebnis soll und darf allerdings nicht als Grund für das Schaffen des Künstlers einstehen, wie die aufgezeigte Komplexität seiner Arbeiten beweisst. Doch das prägende Erlebnis dürfte der dem Künstler von Kritikern lange gemachte Vorwurf des Narzissten relativieren. Ein undifferenzierter und wohl eher verlegener Vorwurf, der bereits Künstlern wie Urs Lüthi in frühen Jahren gemacht wurde, weil er wiederholt sich selbst als Modell in seinen Fotografien inszenierte. Eine subtilere Erklärung erfolgte in diesem Fall durch Zedenek: «[…] Diese und ähnliche Bilder, die die Grenzen des Narzissmus einerseits und der Travestie andererseits streifen, können als Projektionen von Wunschvorstellungen, als Gleichnisse von äusserst subjektiven Empfindungen gedeutet werden. Man kann in ihnen aber auch eine kritische Auseinandersetzung mit der gesellschaftlich bedingten Rollentypologie erblicken – ein Anliegen übrigens, das Lüthi mit einigen anderen jungen Künstlern teilt.» Bei Klossner kommt hinzu, dass er zuerst im Theater- und Performancebereich tätig war, wo der eigene Körper Ausgangspunkt für jede Handlung ist, bevor er in den Bereich der bildenden Kunst und der neuen Medien hervorstiess.

 

Mit den jüngsten Arbeiten löst er sich nun zunehmend vom eigenen Körper, rückt andere Menschen und sein Umfeld in den Vordergrund. Symptomatisch bildete wohl die Aufsehen erregende, vom Publikum begehbare Tiefkühlzelle Hidden Assets (Stille Reserven) 2000 mit den über hundert Selbstporträts in Form von Eisköpfen die Akkumulation, gleichsam den Höhepunkt der Selbsthinterfragung.

 

Bruchteile von Sekunden vergolden

 

Geht es bei den bebenden Gesichtern um die Relativität von Zeit, so geht es im zweiten für Grenchen geschaffenen Werkkomplex vielmehr um das Herausnehmen einzelner Momente. Im Experiment mit dem – von Franticek Klossner bevorzugten Medium – Video, gelangt der Erfinder-Forscher zu neuartigen Siebdrucken. Die Vorlagen dazu bilden nicht Fotografien, sondern das umfangreiche Archiv mit eigenen Video-Aufnahmen des Künstlers; Milliarden von Sekunden. Einem Fundus gleich, wählt er daraus einzelne Frames aus, nimmt diese aus ihrem zeitlichen und narrativen Zusammenhang heraus und isoliert sie als «Still». – «Eingebrannte Bilder in meinem Kopf, die sich nun als goldene Reflexion der Erinnerung auf der Glasplatte niedergelassen haben.» – Übrig bleibt eine verwischte 1/25-, 1/1000-Sekunde oder ein noch kürzerer Moment. Der ausgewählte Augenblick wird mittels Haftgrund auf eine Glasplatte übertragen und anschliessend vom Künstler von Hand mit Blattgold überarbeitet. Ein jedes Werk wird zu einem Unikat; zu einem vergoldeten, individualisierten Moment. Mit dem Titel der Serie Videostills verweist der Künstler auf die mediale Herkunft der Motive. Die Figurationen und Landschaften im video-typischen Pixel-Raster wirken je nach Blickwinkel wie Vexierbilder und erscheinen je nach Lichteinfall als Negativ-Positiv-Umkehrungen.

 

Träger der Druckgraphiken ist nicht etwa Papier sondern Glas; ein Material das der Künstler vorwiegend für Arbeiten mit Texten – bspw. für die permanente Installation Appunti spezzati – unterbrochene Notizen 1998 im Schweizerischen Institut in Rom verwendete, wo er auf einer Glas-Fassade seine doppelseitig eingestrahlten Notizen hinterliess. Je nach Blickrichtung sind hier italienische (von innen nach aussen) oder deutsche (von aussen nach innen) Textfragemente zu lesen. Mit dem transparenten Material Glas verweist der Künstler auf die Projektionsfläche, resp. den Datenvermittler unseres Jahrhunderts: «Den grössten Teil aller Informationen lesen wir heute auf dem Datenträger Glas, oder nehmen sie durch diesen wahr; TV- und Computerbildschirme, Handy-Displays, Fenster-, Auto- und Zugscheiben, etc. Der gläserne Mensch wird selbst zum Datenträger.» Mit der Kombination von Gold, Video und Glas verbindet Klossner auf faszinierende Weise unterschiedliche, sonst nicht in Kombination verwendete Materialien. Kommt dem Gold – in Assoziation mit Altargemälden und Ikonen – in der Kunstgeschichte gewissermassen ein Ewigkeitscharakter zu, wird das Video als schnellebiges, oft als ein sogenanntes immaterielles Medium eingestuft.

 

Wie bei Mess Up Your Mind! schliesst Videostills nicht nur aufgrund des Mediums an frühere Arbeiten an, sondern geht durch die gewählten Sujets aus diesen hervor. Und auch hier findet auf der Suche nach Bruchteilen von Sekunden eine Loslösung vom Ich des Künstlers statt. Zum Bildgegenstand erklärt sind sowohl Porträts, Landschaften als auch Figuren. Durch die gemeinsame Ästhetik des verwischten Bildes – es sind ja keine mit einer Linse aufgenommenen scharfen Fotos, sondern von bewegten Videos entnommene Bilder – ist allen der Begriff der Geschwindigkeit inne. Dieser kann sowohl Thema selbst sein, wie in den blitzschnellen Fausthieben der Boxerinnen und Boxer in watch your heads von 1998 , sie kann aber ebenso mit dem hinter einer Arbeit stehenden Erlebnis verbunden sein. Solche finden sich in den beeindruckenden Videoaufnahmen der Zufallsbekanntschaft mit kurdischen Flüchtlingen im Zug, in eigenen Familienbildern aus der Kindheit oder im Videodialog Videolog mit dem Soziologen Alphons Silbermann (1909-2000). Dieser sprach in den Aufnahmen zur Videoinstallation Das Schaukeln der Bilder mit Klossner über Lebenszeit und Geschwindigkeit, Verdrängung und Aufklärung, über Kunsterlebnis und Kunstwerk. Die festgehaltene Geschwindigkeit erscheint nach Silbermanns Tod in verwischten Landschaftsbildern fünf Augenblicke zwischen Napoli und Köln 2000; kleinste Bruchteile von Sekunden auf dem Weg nach Köln zu Alphons Silbermann. Mit diesen Stills bringt Klossner einen Aspekt in die Gattung der Landschaftsdarstellung ein, wie er bisher nicht bekannt ist. Denn wichtig ist ihm weder der Standpunkt noch der Ort, sondern die gewählte und erlebte Zeitspanne, was aus den Bildlegenden und Texten hervorgeht, die der Künstler teilweise klärend mit den Werken verbindet. Me verás si me piensas!


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