Franticek Klossner

Metamorphose

 

Franticek Klossner gibt ähnlich wie Dieter Roth sein Selbstbildnis der Deformation und Auflösung anheim, doch spielt bei ihm auch der Aspekt des Kreislaufs von Werden und Vergehen eine wichtige Rolle. Zudem hat sein Material eine ganz andere Qualität als das Roths. Klossners seit 1990 entstehende Selbstporträts, "Melting Selves" betitelt, sind Abgüsse aus gefrorenem Wasser, die er in unterschiedlicher Weise in Installationen, Performances und Videosequenzen einsetzt. Wasser ist nicht nur die lebensspendende Materie schlechthin, es ist auch ein äusserst wandelbares, in drei Zustandsformen vorkommendes Element: flüssig, fest (Schnee und Eis) sowie gasförmig (Dunst, Nebel, Dampf). Die Prozesse des Frierens und Schmelzens sind - wie das Backen bei Quinns Werken - deformierende Verläufe, die eine starke Eigendynamik entwickeln, auf die der Künstler keinen Einfluss hat. Der Deformation und Auflösung durch Schmelzen - in seinen früheren Arbeiten als Zeit- und Vergänglichkeitsmetapher zu verstehen - setzt Klossner in einer eigens für die Ausstellung "Die obere Hälfte" entwickelten Videoarbeit den Gedanken der Wiedergeburt und Erneuerung entgegen. Sechs Büsten des Künstlers vergehen und entstehen neu in einem rhythmischen Prozess, der begleitet wird von einer minimalistischen Tonfolge aus Klängen die auf seinen Herzschlägen beruhen. Die Büsten schmelzen - wobei die Tropfen metaphorisch wie "Gedankenblasen" zum Himmel aufsteigen - und bilden sich aus von unten aufsteigenden Tropfen neu: eine Umkehrung des tatsächlichen Ablaufs. Klossner verbindet die Vorstellung eines ewigen Lebenskreislaufs mit dem Thema der Selbsterforschung und der Frage nach Identität: "Ein Individuum gibt es nicht, wir sind flüssige Identität. Jede Arretierung ist sinnlos - Zeit ist Formveränderung."

 

Inge Herold

in: Die obere Hälfte / Die Büste seit Auguste Rodin

S. 156-157


Körper & Eis - Die Obere Hälfte

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